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Genitalverstümmelungen an Zwittern

Folgender Aufruf zur Solidarität der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org ging an zahlreiche Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, Amtsstellen, den Deutschen Ethikrat, an alle Parteien sowie an alle Mitglieder des Deutschen Bundestages.

Menschenrechte auch für Zwitter!

Liebe Organisationen / Abgeordnete

Mit grosser Freude haben wir erfahren, dass der Gesetzesentwurf "Strafbarkeit der Verstümmelung weiblicher Genitalien" an den Bundestag überwiesen wurde, und dass in der Begründung unmissverständlich festgehalten wird, dass weibliche Genitalverstümmelungen ein "schwerwiegender Verstoß gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Opfers" darstellen. Sowie, dass auch Bundesrat und Bundesregierung beide unterstützend bestätigen, dass es sich bei weiblicher Genitalverstümmelung "um eine schwerwiegende Grund- und Menschenrechtsverletzung handelt".

Gleichzeitig sind wir aber bitter enttäuscht und zutiefst empört darüber, dass die Genitalverstümmelungen bzw. kosmetischen Genitaloperationen [1] an Kindern mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen (sogenannte Zwitter / Hermaphroditen / Inters*xuelle) unseres Wissens nach in der ganzen Diskussion um den Gesetzesentwurf nirgends zur Sprache kamen, und insbesondere, dass bisher keine Frauen- oder Menschenrechtsorganisation dieses sträfliche Versäumnis lautstark reklamierte.

Und wir fragen Euch/Sie: Warum ist das so?

Haben Zwitterkinder weniger Recht auf körperliche Unversehrtheit als Mädchen oder Frauen? Sind bei Zwittern Genitalverstümmelungen eine weniger schwere Grund- und Menschenrechtsverletzung als bei Frauen? Kann bei Zwitterkindern – im Gegensatz zu Frauen – tatsächlich einfach weggeschaut und auf eindeutige Signale gegen Genitalverstümmelungen verzichtet werden. Und, statt die Barbarei vor der eigenen Haustüre ebenfalls energisch zu bekämpfen, diese vielmehr billigend toleriert werden?

Warum schweigen die Menschenrechts- und Frauenorganisationen – und nehmen nicht längst laut und unmissverständlich Stellung gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit?!

Wie lange noch?!

Umso mehr enttäuscht und empört sind wir über das Schweigen der Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, weil namhafte ExpertInnen seit Jahren immer wieder bestätigen, dass die Genitalverstümmelungen an Zwittern durchaus mit der weiblichen Genitalverstümmelung vergleichbar sind. Dies sowohl betreffend ihren Folgen an Leib und Seele für die unschuldigen Opfer, wie auch in Bezug auf die theoretischen "Begründungen" namentlich durch die ausführenden MedizinerInnen (vgl. dazu z.B. Hanny Lightfoot-Klein 1992 und 2003 oder Antke Engel 1997 [2]). Übereinstimmungen, die von deutschsprachigen organisierten Zwittern seit über 14 Jahren öffentlich angeprangert werden. [3]

Umso unverständlicher erscheint uns dieses Schweigen weiter, als 2008/2009 eine Vielzahl von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen verbal ihre Solidarität kundtaten [4] im Zusammenhang mit dem von der Allianz der Frauenorganisationen unterstützten CEDAW-Schattenbericht auch zum Thema kosmetische Genitaloperationen und weitere medizinisch nicht notwendige Zwangsbehandlungen an Zwitterkindern [5], die durch die Beschneidungen mehrheitlich zu "eindeutigen Frauen" zurechtgestutzt werden, sowie mit der anschliessenden Rüge des CEDAW-Ausschusses an die Bundesregierung [6], jetzt aber anscheinend keine Taten folgen lassen wollen.

Dass es auch anders ginge, zeigt das Beispiel von Terre des Femmes Schweiz, Amnesty Schweiz und Grüne Schweiz, die sich letztes Jahr in der Vernehmlassung zu einem entsprechenden Gesetzesentwurf in der Schweiz klar und deutlich dafür aussprachen, dass auch die Genitalverstümmelungen an Zwittern mit einbezogen werden müssten, und ihre stillschweigende Ausklammerung im Schweizer Gesetzesentwurf unmissverständlich kritisierten [7].

Zwar gibt es auch zumindest einen klaren Unterschied zwischen weiblicher Genitalverstümmelung und den Verstümmelungen an Zwittern, nämlich, dass Zwitterorganisationen (im Gegensatz zu Organisationen betroffener Frauen) sich darüber einig sind, dass bei Zwittern lediglich uneingewilligte Eingriffe an wehrlosen Kindern verboten gehören, während erwachsene Zwitter selbst darüber bestimmen können sollen, ob sie als Erwachsene solche Eingriffe wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Abgesehen von diesem klaren Unterschied gibt es aber hauptsächlich weitgehende Übereinstimmungen, z.B. die lebenslangen körperlichen und seelischen Folgen der Verstümmelungen, die schwerwiegende Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung, sowie auch die grundlegende juristische Problematik, dass verstümmelte Zwitter im Gegensatz zu verstümmelten Frauen noch weniger die Möglichkeit haben, später straf- und zivilrechtlich gegen das ihnen angetane Unrecht vorzugehen, da sie in der Regel noch früher verstümmelt werden, nämlich meist in den ersten zwei Lebensjahren, und so wegen der damit einhergehenden Traumatisierungen kaum je erfolgreich vor Ablauf der Verjährungsfrist Anzeige machen können. (Ausnahmen bestätigen die Regel: Christiane Völling, die bisher einzige Inters*xuelle, die ihren Peiniger wenigstens noch zivilrechtlich erfolgreich belangen konnte, wurde erst im Alter von 18 Jahren zwangsoperiert. [8] Sämtliche anderen Anzeigen von Betroffenen blieben bisher erfolglos.)

Wir bitten euch/Sie deshalb im Zusammenhang mit der kommenden Bundestagsdebatte um eure/Ihre Solidarität!

Schweigt/Schweigen Sie nicht weiter, während gleichzeitig TÄGLICH [9] wehrlose Zwitterkinder genitalverstümmelt werden!

Macht euren/Machen Sie Ihren Einfluss geltend, dass das unteilbare Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit auch für Kinder mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen gilt!

Damit künftig auch Zwitterkinder mit unversehrten Genitalien aufwachsen können.

Vielen Dank für euren/Ihren Einsatz für die Menschenrechte!

Über eine kurze Stellungnahme zu diesem Schreiben würden wir uns sehr freuen.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und "Menschenrechte auch für Zwitter!".


Freundliche Grüsse

n e l l a
Daniela Truffer
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Schweizerische Selbsthilfegruppe Inters*x.ch
Mitglied Inters*xuelle Menschen e.V.
Mitglied XY-Frauen
Mobile +41 (0) 76 398 06 50
presse_at_zwischengeschlecht.info

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Fussnoten:
[1] http://zwischengeschlecht.org/post/2.-Medizinische-Verbrechen-an-Zwittern
[2] http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/12/11/Genitale-Zwangsoperationen-an-Zwittern-vergleichbar-mit-weiblicher-Genitalverst%C3%BCmmelung
       Hanny Lightfoot-Klein: "Das grausame Ritual" (1992)
       Hanny Lightfoot-Klein: "Der Beschneidungsskandal" (2003)
       Antke Engel: "Ene mene meck ..." - Hamburger Frauenzeitung (1997):
       http://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Antke-Engel%3A-Ene-mene-meck-Hamburger-Frauenzeitung-53-1997
[3] http://www.stachel.de/00.01/1AGGPG.html
       http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_34isar.htm
[4] http://www.frauenrat.de/deutsch/infopool/informationen/informationdetail/back/11/article/cedaw-2009.html
[5] http://intersex.schattenbericht.org
[6] http://faz-community.faz.net/blogs/biopolitik/archive/2009/02/20/deutschland-ger-252-gt-menschenrechte-von-zwittern-werden-ignoriert.aspx
     http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/02/05/Genf%3A-UNO-mahnt-Bundesregierung
[7] http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/08/15/Schweiz%3A-Terre-des-Femmes-und-Amnesty-nehmen-Stellung-gegen-Zwangsoperationen-an-Zwittern
[8] http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/09/10/Von-Zwangsoperateur-schuldhaft-in-Selbstbestimmungsrecht-verletzt-Zwitterprozess-Pressespiegel-OLG-4608
[9] http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/09/14/Wenn-Medizyner-zu-sehr-vertuschen

Published on Sunday 9 May 2010 by nella